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„Ich will in einer menschlichen Schweiz leben“

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Rede an der Demonstration vom 02.09.2006 für Menschen(-rechte) |
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„Ich will in einer menschlichen Schweiz leben“
Menschenrechte – Menschenwürde
Wer ist ein Mensch und was ist der Mensch?
Dies ist die zentrale Frage, welche jede / jeder für sich beantworten muss, bevor eine Meinung vertreten wird.
In den letzten zwei Jahren seit der Einführung des EPO3, begegnete ich nicht in erster Linie Flüchtlingen, Asylsuchenden, Illegalen, oder wie sie alle genannt werden.
Nein, ich begegnete Menschen: Frauen, Männer und Familien. Menschen, die ihre letzte Hoffnung, ihre Kraft und leider oft auch ihr Leben einsetzten, um nach Europa, in eine humanitäre Schweiz, zu kommen.
Ich habe einen jungen Mann nach Chur begleitet, um Nothilfe zu beantragen. Ich wusste, dass ihn ein Übernachtungsplatz in einer Bracke in Realta und von 9.00 Uhr bis 17.00 Uhr spazieren im Freien und obendrauf ein Lunchpaket erwartet. Nur soviel ist sein Überleben der offiziellen Schweiz wert!
Wir gehen vorbei an Einkaufsstrassen, grossen Bankkomplexen, Menschen mit vollen Einkaufstaschen - alle Gebäude alle Strassen in einem top Zustand.
Ich schäme mich!
Der Sozialhilfestopp darf nicht ausgeweitet werden. Nein, die jetzige Praxis muss rückgängig gemacht werden! Dafür kämpfe ich! Auch wenn sie mich nach den neusten Verschärfungen dafür einsperren können oder ich eine hohe Busse erhalte - bei organisierten Aktivitäten bis zu einer halben Million.
Die neuen Verschärfungen treffen uns alle!
Die neuen Verschärfungen verletzten Menschenrechte; die ist leider nur ein Teil der Wahrheit: Menschen werden verletzt!
Ich habe in die angsterfüllten Augen eines Mannes geschaut, als ihn zwei Polizisten zum zweiten Mal zur Identitätskontrolle abholten. Die Angst, das Flehen in seinen Augen, werde ich nicht vergessen. Eine Begleitung wurde mir verweigert.
Gibt es etwas, was ich nicht sehen und hören darf?
Auch die Besuche im Ausschaffungsgefängnis sind prägende Erinnerungen. Joel, im Alter meiner Söhne, die beide eine Ausbildung machen, ihre Freizeit mit Gleichaltrigen verbringen, ein Zuhause haben, ist für sieben Monate in Ausschaffungshaft. Nur weil er sich getraut hat Nothilfe zu beantragen.
Sein Aufenthalt war für die Behörden jederzeit(!) bekannt. Wird er eingesperrt als Schikane oder weil er in den Statistiken des BFM immer noch erscheint und nicht zu den unbekannt Abgereisten gehört? Somit den Verantwortlichen vor Augen führt, dass ihre Gesetze nicht halt- und umsetzbar sind?
Einsperren als Erziehungs- und Druckmittel, Beugehaft von bis zu 15 Monaten für Jugendliche heisst die Lösung, welche die als innovativ und hochentwickelt bekannte Schweiz anzubieten hat. Das macht mich wütend!
Unwort des Jahres „Missbrauch“
Es dauerte keine zwei Sekunden bei der Podiumsdiskussion im Pfalzkeller und Herr Caduff vom Bundesamt für Migration sprach vom: „Missbrauch, den wir bekämpfen müssen.“. Es wird uns weiss gemacht, dass wir uns und unser Land, unsere Sozialwerke vor all diesen Fremden schützen müssen, die einen Antrag zur Überprüfung ihres Rechtes, hier in der Schweiz zu bleiben, stellen. Was in aller Welt ist daran Missbrauch?
Die 60 Köche und Köchinnen des Mittagstisches, die 10 Zukunftsberaterinnen, die 6 Gefängnisbesucherinnen können viele Beispiele von Behördenwillkür und vom Missbrauch des Vertrauens, das Sie und die Hilfesuchenden in die Politik und die Behörden setzten, erzählen.
Sind das „Einzelschicksale“?
Nun ich bin kein Mathematik Genie, kann mich aber daran erinnern, dass es schon zu meiner Schulzeit hiess: Ein Ganzes besteht aus vielen Einzelnen! So ist jedes einzelne Schicksal dieser Menschen wichtig. Die Befürworter verschweigen die Vorläufig aufgenommen Antragsteller bei ihren Argumentationen, sind sie schlechte Rechner oder gute Lügner!
Und noch etwas zum Schluss: Nicht die Menschen, die einen Asylantrag stellen und gezwungen sind unter dem Existenzminimum zu leben, die auf dem Arbeitsmarkt nur die übrigbleibenden oft schlecht bezahlten Arbeitsplätze erhalten, sind es die uns in der Existenz bedrohen. Meines Wissens geschieht dies auf ganz anderen Ebenen! Die Fremden suchen Frieden, Ruhe und Heimat und solange ihr Herkunftsland das Wort Heimat nicht verdient, können wir nicht über eine Rückweisung diskutieren.
Wer es ehrlich mit der Beibehaltung einer humanitären Schweiz meint,
mitdenkt- und fühlt muss diese Verschärfungen ablehnen und sich für die schwächsten in unserer Gesellschaft einsetzen. Ich will in einer menschlichen Schweiz leben und mich nicht gegenüber einem grossen Teil der Welt schämen, denn es gibt keine plausiblen, ehrlichen Gründe für diese Verschärfungen.
Deshalb ZWEIMAL NEIN! und weiter kämpfen für eine humanitäre Welt (dazu sollte auch die Schweiz gehören). Ich kämpfe auch für meine christliche Überzeugung: Jeder Mensch hat eine unantastbare Würde! |
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Marlise Schiltknecht; Arbeitsstelle Diakonie,
04.09.2006 |
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Weiterführende Infos als Dateidownload:
Paul Rechsteiner: Rede zur Demonstration am 02.09.2006 |
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