Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen
 

Muslime evangelisieren? Kontroverse Debatte in harmonischen Tönen



 
Ist es für Protestanten sinnvoll oder notwendig, die Botschaft von Jesus Christus gegenüber Muslimen so zu bezeugen, dass diese selbst auch Christen werden könnten? Hanna Kandal-Stierstadt, Pfarrerin in Schwamendingen, und Dr. Andreas Maurer, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei „Christen begegnen Muslimen″, Rüti, leben diese Frage im Alltag unterschiedlich. Sie ist verheiratet mit einem gläubigen Muslim: „Religionswechsel in irgend einer Richtung ist nie ein Thema gewesen“. Maurer dagegen glaubt: ein Christ mit Glaubensüberzeugung und Liebe ist es ihnen schuldig. Er berät Evangelikale, die unter Muslimen arbeiten. Am Donnerstag Abend diskutierten sie öffentlich.
 
Im Vorfeld hatten Eingeladene abgesagt: Einer Pfarrerin zuzuhören, deren Kinder Muslime sind, das sei zuviel für reformierte Ohren. Ganz liberale Geister dagegen fanden: Einem Muslimmissionar in einer landeskirchlichen Veranstaltung ein Podium zu verschaffen sei problematisch. Der Saal füllte sich dann aber doch: etwa ein Drittel im Gemeindesaal des Kirchgemeindezentrums Heiligkreuz waren Muslime unterschiedlicher Herkunft.

Auf dem Podium war die Übereinstimmung gross. Beide Referenten fanden: Die überwiegende Zahl der hier lebenden Muslime sind friedliche Mitmenschen. Mehr Begegnung im Alltag und gemeinsames gesellschaftliches Engagement von Christen und Muslimen in der Schweiz sind nötig und wünschenswert. Das Gespräch über den Glauben soll respektvoll, angstfrei und ohne Druck stattfinden. Wenn ein Muslim oder eine Muslima zum christlichen Glauben übertreten will – gut. Auch die Pfarrerin hat nichts einzuwenden.

In einer Klarheit, die Normalsterbliche eher von einem Imam als von einem durchschnittlichen reformierten Theologen erwarten würden, markierte Maurer dann aber doch noch das Beson-
dere: „Es gibt nur eine Wahrheit. Gott macht keine Widersprüche. Es gibt nur einen Weg.“ Und dieser sei nun einmal Jesus Christus, wie ihn die Bibel offenbart. Ob er meine, Nichtchristen würden zur Hölle fahren, und ob diese Angst allenfalls ein Motor seines missionarischen Tuns sei, wurde der Theologe gefragt. Es stünde nun einmal so in der Bibel, antwortete der, aber er habe darüber schon viel nachgedacht und sei froh, dass nicht er, sondern Gott Richter sei.

Hanna Kandal-Stierstadt zog gefühlte Parallelen zwischen ihrem protestantischen und dem muslimischen Glauben ihres türkischen Ehemannes. „Allein die Schrift“: dieses protestantische Prinzip habe seine Entsprechung im muslimischen Koranglauben. „Allein aus Gnade“: 700 mal käme „Erbarmen bzw. Gnade“ auch in der heiligen Schrift der Muslime vor. Das „Allein durch Christus“ und „aus Glauben“ habe die Protestanten von religiöser Hierarchie befreit - ein Umstand, der aus anderen Gründen auch im Islam so gegeben sei. Dennoch empfände sie auch Fremdheit: Dem Menschen wird vom Koran durchaus zugetraut, das Rechte zu tun. Evangelischer Glaube dagegen ginge immer von der Unzulänglichkeit und bleibenden Erlösungsbedürftigkeit der Gläubigen aus. Ansonsten erlebe sie die Nähe zum Islam als Inspiration. Wenn für den Ehemann Ramadan ist, dann macht sie mit und entdeckt dabei neu so alte christliche Praktiken wie das Fasten, Beten und Psalmlesen.

Ob sie denn nicht auch meine, Mohammed habe einfach die Bibel weiterentwickelt, wurde die Theologin gefragt. Kandal-Stierstadt: „Wenn mir ein Muslim sagt, der Koran ist Offenbarung, dann ist das für mich so. Es ist nicht meine Aufgabe, die Offenbarung der anderen zu bewerten“. Ein Imam und Religionslehrer, der dem innerprotestantischen Gespräch als Zuhörer beiwohnte, stellte dann auch klar: Der Koran ist nicht darum der Bibel ähnlich, weil Mohammed abgeschrieben hätte, sondern weil derselbe Gott geredet hat.

Die Gesprächsmoderatoren, Pfr. Breitenfeldt (AKiD/OeME der Kantonalkirche) und der gastgebende Pfr. Semmler ebenso wie das Publikum stellten nach deren Kurzvorträgen eine ganze Serie lebendiger Fragen an die Referenten. Miteinander sprachen die beiden öffentlich überhaupt nicht. Das erwartete Streitgespräch fand nicht statt. Der inter-evangelische Dialog über die angemessene religiöse Begegnung mit Muslimen muss weiter gehen.
 
Martin Breitenfeldt; Arbeitsstelle Kirche im Dialog,
09.09.2005

 
 
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