Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen
 

″Bush ist oberster Feldherr und Prediger″



 
Vor etwa 25 Zuhörenden referierte der Berliner Politologe Joseph Braml am Dienstag Abend über ″Amerika, Gott und die Welt″.
 
Vor etwa 25 Zuhörenden referierte der Berliner Politologe Joseph Braml am Dienstag im St.Galler Völkerkundemuseum über ″Amerika, Gott und die Welt″. Fast jeder zweite, der Präsident George Bush gewählt hat, gehört zur evangelikal-charismatischen „christlichen Rechten“ der USA. Weniger als 20% der Evangelikalen Amerikas wählten die Demokraten. So informierte Braml in seinem gestrigen Vortrag „Amerika, Gott und die Welt“, den die Arbeitsstelle „Kirche im Dialog“ der Reformierten Landeskirche gemeinsam mit der Rösslitorbuchhandlung organisiert hatte.

Das Interesse der wertekonservativen Rechten, neuerdings verstärkt geteilt von katholischen Gruppen, seien vor allem der Kampf gegen Abtreibung und Homosexualität, für das Schulgebet und (aus ihrer Interpretation biblischer Endzeitszenarien heraus) eine unbedingte Parteinahme für Israel. Ausserdem teilten sie mit der nichtreligiösen Rechten den Wunsch eines militärisch starken Amerika sowie eines schlanken Staates bei weitgehender Wirtschaftsliberalität: Wer arm ist, dem fehlt einfach Gottes Segen.

Amerika erlebt keine Erweckung, sagte Braml, im Gegenteil erhöhe sich die Zahl von nichtreligiös-säkularisierten Menschen. Nur hätten sich eben rechts-evangelikale und –charismatische Gruppen auf Kosten der Mainline-Protestanten vergrössert. Während sie noch in den 70er Jahren politische Aktivität von Kirchen und Christen weitgehend ablehnten, strebten sie seit Anfang der 1980er bewusst und systematisch nach politischem Einfluss - unterdessen durchaus auch pragmatisch, unter Hintanstellung von Maximalforderungen. Ihr Potenzial von Grasswurzel-Gruppen und funktionierenden Netzwerken sei dabei nicht zu unterschätzen. So würden vor bestimmten Abstimmungen Abgeordnete systematisch mit massenhaften Zuschriften gedrängt, im Sinne der christlichen Rechten zu stimmen.

Eine Schlüsselfrage für die mittelfristige Zukunft Amerikas werde die Neubesetzung der zwei frei gewordenenen Richterstellen im Supreme Court sein, die im Moment auf der Tagesordnung steht. Jedes umstrittene Gesetz der USA lande früher oder später beim Obersten Gericht.

In welchem Masse Präsident Bush selbst wirklich wie behauptet „wiedergeborener Christ“ sei, liess Braml offen: „Das werden wir nie wissen.“ Er sei aber sicher nicht als unflexibler Fundamentalist, sondern als durchaus pragmatisch einzuschätzen.

Im Moment sei er für viele Amerikaner so etwas wie oberster Feldherr und Prediger zugleich; er spreche eine bewusst religiöse Sprache auch in der Begründung des Irak-Krieges. „In Zeiten, in denen man sich bedroht fühlt, kommt so etwas an.“

Eigentlicher Kopf hinter Wahlkampf und öf-fentlicher wie nichtöffentlicher Mehrheitssicherung der Bush-Regierung sei jedoch Chefstratege Karl Rove. „Er ist kein gläubiger Mensch. Er glaubt an Machiavelli“, so der Referent.

Dr.Josef Braml arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter einer aus deutschen Bundesmitteln finanzierten Stiftung, die die Berliner Bundesregierung und den Bundestag in aussenpolitischen Fragen berät. Sein Buch „Amerika, Gott und die Welt“ ist im Buchhandel erhältlich.
 
Martin Breitenfeldt; Arbeitsstelle Kirche im Dialog,
07.09.2005

 
 
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