Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen
 

Aussprachesynode will reformierte Identität stärken



 
Die Synode der Reformierten im Kanton St. Gallen am Montag, 5. September 2005 hat die Frage diskutiert, was „reformiert“ heute bedeutet. Setri Nyomi, Generalsekretär des Reformierten Weltbundes, plädierte dafür, das Fehlen von religiösen Führern als Chance zu begreifen. NEU mit angehängtem Originaltext der Ansprache von Setri Nyomi.
 
Christen reformierter Tradition hätten der Welt ein grosses Geschenk gemacht, betonte der 51-jährige Theologe aus Ghana vor den über 100 Delegierten in Wil: Die Wiederentdeckung der spirituellen Vielfalt. Nicht Personenkult und Einheitlichkeit, sondern die Mannigfaltigkeit des Glaubens seien Ausdruck reformierter Identität.
Die Synode selbst vermittelte davon einen facettenreichen Eindruck. Das Gelände rund um die Kreuzkirche präsentierte sich als Marktplatz geistlicher Impulse. So konnte etwa im zweiten Stock des Kirchturms bei Kerzenlicht und Bibel Luthers so genanntes Turmerlebnis nachempfunden werden. Zum Keyboard erklang derweil in der Kirche reformiertes Liedgut, während an der Pforte des Gotteshauses eine Tafel zum Thesenanschlag ermunterte. Portraits über berühmte reformierte Persönlichkeiten wie Rembrandt, Anna Rein-Wuhrmann oder Friedrich Dürrenmatt sowie Einblicke in kirchliche Strukturen, geschichtliche Entwicklungen und politisches Engagement rundeten das spirituelle „Puzzle“ ab.

Synthese von unten

„Wir begreifen den Ablauf der Synode als Gottesdienst,“ erläuterte Ursula Steiger, Mitglied der vorbereitenden Kommission: Eingerahmt von einem liturgischen Beginn und Abschluss, gälte die gemeinsame Diskussion in den Workshops gleichsam als vielstimmige Predigt.
Diese Einschätzung spiegelt ein eher synthetisch zu nennendes Kirchenverständnis wieder, dem zentralistische und hierarchische Muster fremd sind. Zwar empfinde man es in einer zunehmend von Medien dominierten Welt zunächst als Nachteil, über keine verbindlich sprechende Führungsfigur zu verfügen, war mehrfach zu hören. Doch solle man aus der vermeintlichen Schwäche eine Stärke machen, wurde gefordert, - entspreche doch der eher vielstimmige, dafür demokratisch transparente, Diskurs einem Selbstverständnis, das nicht aufgegeben werden könne, ohne seine Identität zu verlieren.

Gewinn für Ökumene

Bei der nachmittäglichen Podiumsdiskussion plädierte denn auch der katholische Theologe Josef Osterwalder dafür, dass die reformierten Kirchen sich durchaus selbstbewusster als eine Art Dach und Kompetenzzentrum für das verstehen sollten, was mit der Reformation seinen Anfang nahm. Kennzeichnend für Reformierte seien zudem die konsequent synodalen Prozesse sowie die Verbindung von rationalem und spirituellem Zugang zum Glauben: „Darauf ist die Ökumene angewiesen,“ hob Osterwalder hervor.

Geistliche Erneuerung

Gottfried Locher, ehemaliger Leiter der Aussenbeziehungen beim Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund und einer der Vizepräsidenten beim RWB, betonte, die Beteiligung der Kirchenbasis gelte als Stärke reformierter Gemeinden. Dazu komme die konsequente Ausrichtung auf die biblische Botschaft von Jesus Christus und die daraus folgende gesellschaftliche Verantwortung: „Diese drei grossartigen Werte stehen aber zur Disposition, wenn wir keine Form der sichtbaren Einheit finden,“ mahnte er.
Weltbundpräsident Setri Nyomi empfahl dahingehend ein gemeinsames Eintreten für Gerechtigkeit in der Welt sowie die gemeinsame Suche nach einer geistlichen Erneuerung, nicht zuletzt im reformierten Gottesdienst.



Bild:

Chor statt Solo: Reformierte Identität entwickelt sich im Diskurs, wie das Podium der Synode verdeutlichte (von links: Martin Breitenfeldt, Setri Nyomi, Barbara Damaschke, Jakob Bösch, Gottfried Locher und Josef Osterwalder).
 
Reinhold Meier; Arbeitsstelle Kommunikation,
20.09.2005

 
Weiterführende Infos als Dateidownload:
 Originaltext der Ansprache von Setri Nyomi, Generalsekretär des Reformierten Weltbundes
 
 
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