Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen
 

Postapokalyptische Stille und neue Perspektive - Gedanken nach dem Seebeben von Pfr. Andreas Fischer

Zwei biblische Besinnungen.
 
Postapokalyptische Stille (1)

Am Morgen des zweiten Weihnachtstages sichtete ich die Unterlagen für den Gottesdienst. Nebenbei schaltete ich das Radio ein – und schreckte auf: Seebeben in Asien, mehrere Hundert Tote (wie man damals noch meinte). Ich schrieb ein SMS an meinen Bruder, der in Manila lebt: Ob alles in Ordnung sei mit ihm, seiner Familie, den Eltern, die bei ihm auf Besuch waren? „Sitzen in Café, Füsse noch trocken“, lautete die ironische Antwort. Er hatte von dem, was geschehen war, noch nichts gehört.

Ein paar Stunden später war ihm nicht mehr zum Scherzen zumute. Der Schleier, der ihn von der Katastrophe trennte, war weg. Und so ging es uns diesmal irgendwie allen: Die Flutwelle überschwemmte zwar Länder in Südostasien. Doch wir waren dort zu Gast. Der Tsunami machte vor den westlichen Touristen nicht halt. Und der „Tsunami an Bildern“ (Der Spiegel), der der Flutwelle folgte, überschwemmte jede unserer Wohnstuben.

Es fällt schwer, Worte zu finden. Bundespräsident Samuel Schmid zieht in Erwägung, einfach zu schweigen: „Es gibt Momente, da sind Worte leer und wirken unbeholfen. Passender wäre es, sich die Hand zu reichen und zu schweigen.“ Hier ist etwas geschehen, was sich menschlichem Deutungsvermögen entzieht. Im Zusammenhang mit dem 26.12.04 von einer „Strafe Gottes“ oder der „Rache der Erde“ zu reden wäre überheblich und selbstgerecht. Vielmehr ist auf erschütternde Weise der Schleier zivilisatorischen „Sich-in-Sicherheit-Wiegens“ und „Alles-für-selbstverständlich-Haltens“ weggeschwemmt worden. Einen Moment lang starren wir in die Unergründlichkeit Gottes und werden uns bewusst, wie zerbrechlich das Leben ist. Die Menschheit existiert nur mit der Einwilligung des Planeten Erde, und dieser, so die Einsicht des amerikanischen Philosophen Will Durant, kann seine Einwilligung jederzeit und ohne Warnung revidieren. Wir empfangen, theologisch gesagt, unser Dasein allein aus Gnade.

Das griechische Wort „Apokalypsis“ bedeutet „Offenbarung“, „Enthüllung“. Entschleierung. In diesem Sinn ist die Flutkatastrophe eine Apokalypse. Sie macht sichtbar, was ist. Und ruft, am Anfang eines neuen Jahres, eher hinab in die Stille als auf zu guten Vorsätzen.


Neue Perspektive (2)

Der Tsunami hat eine einzigartige Solidaritätskampagne in Gang gesetzt. Wie kein Ereignis zuvor in der Menschheitsgeschichte hat er bewusst gemacht: Wir sitzen „gemeinsam in der Arche“ (Tagblatt). Gewiss: Die Welle überflutete Küsten in Südostasien. Doch sie riss auch die Touristen mit. Und der „Tsunami an Bildern“ (Der Spiegel) drang in jede unserer Wohnstuben. Nach 26/12 fällt es schwer, zwischen hier und dort zu unterscheiden. Trennungen zwischen Bodensee und Indischem Ozean, Heimat und Urlaubsparadies, Erster und Dritter Welt sind bedeutungslos geworden. Die Flut hat uns in grössere Zusammenhänge hineingeschwemmt. Diese Katastrophe betrifft nicht die anderen, sondern uns – als Menschheit. Sie eröffnet gleichsam die Perspektive der Astronauten: „Vom Mond aus betrachtet“, sagte einst John W. Young, „passt die Erde in meine blanke Hand. Da gibt es dann weder Schwarze noch Weisse, weder Marxisten noch Demokraten. Die Erde ist unser gemeinsames Haus, unsere kosmische Heimat.“


„Brüder im Elend“

Diese neue Perspektive stiftet Frieden. Sie hebt eiserne Vorhänge und relativiert alte Feindschaften. In Sri Lanka liessen Regierung und Rebellen verlauten, dass das Seebeben den Friedensprozess wieder in Gang bringt. „Wir sind“, sagte der Premierminister, „Brüder im Elend“.

Auf der Themen-Seite der Appenzeller Zeitung ist eine solche Sicht kürzlich als unzulässiger Versuch kritisiert worden, dem Sinnlosen Sinn abzugewinnen. Die Hollywood-Prominenz, spottet der Philosoph und Hintergrund-Redaktor René Scheu, habe mit der Flutwelle gleichsam „die Geburt der Weltgemeinschaft aus dem Geiste des Mitgefühls“ heranrollen sehen.

In der Tat: Wer behauptet, Gott habe die Sintflut über die Strände des Indischen Ozeans gebracht, um unser menschliches Bewusstsein zu erweitern, redet – in esoterischen Kategorien – ähnlich zynisch wie die Biblizisten, die Gottes Willen am Werke sehen, die Menschen, „deren Bosheit gross war“, „vom Erdboden zu vertilgen“.


Natürliche Theologie

26/12 ist ein Ereignis, das sich menschlichem Deutungsvermögen entzieht. In einem „Meer ohn’ Grund und Ende“ haben sich zwei tektonische Platten ineinander verkeilt. Es hat nichts mit nicht eingehaltenen Friedenskonventionen und nicht unterzeichneten Umweltprotokollen zu tun. Es ist die Erde, die so funktioniert. Sinnlos, tatsächlich, wie Scheu schreibt.

Doch müssen wir, wie mir scheint, deshalb nicht die Augen verschliessen vor den erstaunlichen Wirkungen, die das Seebeben zeigt. Schon Jesus zog Bilder aus der Natur bei, um seine Zuhörer zu ihrem wahren Wesen erwachen zu lassen: Zur Begründung seines Programms von der unbegrenzten, auch vor dem Feind nicht haltmachenden Liebe verweist er in der Bergpredigt auf Sonne und Regen:


Gott „lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt. 5, 45).


Auch die Flutwelle machte keine Unterschiede. Auch sie weckt das Bewusstsein, nicht getrennt zu sein. Und den Wunsch, solidarisch zu handeln. Es mag kitschig klingen, doch Hollywood-Star Leonardo Di-Caprio sagt Gültiges: „Wenn es überhaupt etwas Gutes an der Katastrophe gibt, dann ist es die Reaktion der Menschen weltweit.“

Verfasst und der AkEB zur Verfügung gestellt von Pfr. Andreas Fischer, Forum sosos
 
z.V.g. für die AkEB; Arbeitsstelle kirchliche Erwachsenenbildung,
14.01.2005

 
 
© Alle Bilder und Texte sind Eigentum der
Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen, Schweiz