Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen
 

«Erziehen ist Schwerarbeit»



 
Das St. Galler Forum, der Weiterbildungstag für Eltern und Bezugspersonen stand unter dem Motto «Vertrauen in meine Fähigkeiten». Rund 350 Personen fanden sich im Berufs- und Weiterbildungszentrum (bzb) ein. Darunter auch etliche aus dem kirchlichen Kontext.
 
Vertrauen ist auf allen Ebenen wichtig, dies wissen Eltern und Bezugspersonen von Kindern und Jugendlichen nicht erst seit der samstäglichen Tagung. Dass Vertrauen aber auch ansteckend sein kann, ist eine der Botschaften, welche den Teilnehmenden mit auf den Weg gegeben wurde. Weiter wurde festgehalten, dass Kinder ziemlich robust sind und auch kleine Fehler bei der Erziehungsarbeit verzeihen.

Konsequenzen auf das Verhalten
Professor Lutz Jäncke, als Neurowissenschaftler an der Universität Zürich tätig, faszinierte mit seinen beiden Vorträgen. Eltern und Erziehungsverantwortliche wissen nun, dass die Reifung des Frontalkortex (vorderer Hirnteil) Konsequenzen auf das Verhalten von Kindern und Jugendlichen hat. Weil, gemäss Jäncke, dieser Hirnteil erst im Alter von 20 Jahren ausgereift ist, verhalten sich Kinder und Jugendliche anders als Erwachsene.

Als Beispiel wurde der bewusste Entscheid zwischen sofortiger Belohnung oder harter Arbeit, welche erst später zum Erfolg führt, genannt. Bezogen auf die Eltern bedeute dies, dass sie den fehlenden Frontalkortex der Kinder und Jugendlichen ersetzten müssen. «Dies nennt man Erziehung – und erziehen ist Schwerarbeit.

Es bedeutet, Grenzen zu setzen, den Dialog mit den Kindern zu suchen und ihnen mit Verständnis, aber auch mit konsequenter Haltung zu begegnen,» so Jäncke. Zudem richte sich der junge Mensch nach Vorbildern. «Eltern und Lehrpersonen, aber auch die Gesellschaft sind diesbezüglich gefordert.»

Mehrmals wiederholen
Erklärt wurde auch der Aufbau der Hirn-Netzwerke. «Diese werden durch das Lernen gebildet. Wiederholen ist die Mutter des Lernens», so der Referent. Bewiesen wurde dies mit Forschungsergebnissen, die innerhalb von 20 Jahren durch die Analyse des Gehirns bei musizierenden Kindern entstanden. Regelmässiges Üben verändere nicht nur das Gehirn, sondern auch die Intelligenz. Kritik übte der Referent am Schulsystem. «Ausgerechnet im Alter von elf oder zwölf Jahren erfolgt die Selektion durch Prüfungen. Dies während einer Zeit, in der sich die jungen Menschen in einem Ausnahmezustand befinden.»

Es sei falsch, nur die Besten zu fördern und die anderen durch selektionieren auszuschliessen. «Am Schluss fehlen gut ausgebildete Leute für Führungsaufgaben, und wenn diese dann im Ausland rekrutiert werden, gibt es lautstarke Kritik.»

Auf Fähigkeiten vertrauen
Extra aus Heidelberg angereist war die Diplom-Psychologin Anne Heck. Sie ermunterte die Eltern, auf ihre Fähigkeiten zu vertrauen und ihrem Kind zu zeigen, dass es einzigartig und einmalig ist. Wie weit es jemand mit «Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten »bringen kann, zeigte Fatlum Musliji aus Bazenheid mit seiner Tanzperformance.


Organisiert durch das Bildungsdepartement des Kantons St.Gallen, findet der Anlass jeweils regen Zuspruch. Moderatorin Mona Vetsch stellte gleich zu Beginn fest, dass die Teilnahme an dieser Weiterbildung «süchtig machen kann». Markus Schwager, Leiter Weiterbildung im Amt für Volksschule, erhielt von Bildungsdirektor Stefan Kölliker die Bestätigung, dass sich das Forum als «fester Bestandteil in der Elternbildungsagenda etabliert hat». Gemäss
Kölliker soll die Schule die Eltern bei der Erziehung unterstützen. «Dies ist eine sehr wichtige Aufgabe, ja sogar eine Pflicht für beide Seiten.»

Am 17. November 2012 findet das St. Galler Forum in Rapperswil statt. Den Tag auch in die kirchlichen Jahreskalender aufzunehmen lohnt sich auf jeden Fall. Gerade für die Umsetzung des Projekts der geistlichen Begleitung findet man nebst den vielen direkten Kontakten zu Eltern viele wertvolle Hinweise. Peter Christinger, Arbeitsstelle Familien und Kinder der Evang.-ref. Kirche des Kantons St. Gallen kann den Besuch nur empfehlen.

Artikel von Adi Lippuner mit leichten Anpassungen.
Bild: Peter Christinger
 
Eingabe durch Peter Christinge; Arbeitsstelle Familien und Kinder,
21.11.2011

 
 
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