Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen
 

Ostschweizer Tagung über religiöse Sozialisation und kirchliche Heimat am 30. Oktober in Gossau



 
Wie fühlen sich Menschen in der Kirche wohl? Und wo setzt die Kirche für ein gelingendes Zusammenfin-den den Hebel am wirkungsvollsten an? Diese Fragen wurden an einer Tagung der evangelisch-reformier-ten Landeskirchen beider Appenzell, St. Gallen und Thurgau besprochen.
 
Corina Fistarol – «Religiöse Bildung ist nachhaltig prägend», sagt Thomas Schlag, Praktischer Theologe an der Universität Zürich. Er bezeichnet sie zugleich als verantwortungsvolles und riskantes Unterfangen, «denn Kinder neh¬men wie leere Gefässe auf». Zudem sei die kirchliche Beheimatung primär der Wunsch der Erwachsenen und nicht der Kinder. Schlag plädiert deshalb dafür, dass die kirchliche Sozialisation nicht forciert werden darf. Religiöse Beheimatung bezeichnet der Praktische Theologe als «orientierende Eröffnung einer individuellen Entscheidungsmöglichkeit, sich zu integrieren». Dabei können gesellschaftliche Unterschiede relevant werden. Sind die Kinder schon vertraut mit biblischen Texten, Bildern und Symbolen? Mit gottesdienstlichen Inszenierungen? Die Tagungsteil-nehmenden, die als Pfarrpersonen, Behördenmitglieder, Diakone, Katechetinnen oder Freiwillige meist in der Generationenarbeit tätig sind, diskutierten, ob sich ihre Angebote an die richtige Zielgruppe wendet. Doch wie kann diese gefunden werden?

Damian Kaeser von der Pastoralen Arbeitsstelle des Dekanats St. Gallen stellte die Sinus-Milieu-Studie vor, das Resultat einer langjährigen sozialwissenschaftlichen Untersuchung. Sie orientiert sich nicht nur (wie in der klassischen kirchlichen Arbeit) an Altersstufen, sondern auch an Le¬benswelten. In Deutschland hat sich etwa gezeigt, dass die katholische Kirche nur noch drei von zehn definierten Milieus erreicht, allesamt konservativ und traditionell. Zehn verschiedene Milieus wurden auch in der Schweiz identifiziert. Sie bezeichnen Gruppen von Menschen, die sich in Lebensweise und -auffassung ähneln, verwandte Grundorientierungen, Werteprioritäten und Lebensstile haben und sich in einer ähnlichen sozialen Lage befinden. Das ursprüngliche Ziel der Untersuchung war die zielgerichtete Marktforschung. Die Resultate können indes auch auf die Kirche übertragen werden – und wurden das auch schon oft. Kaeser nennt die Studie eine «Sehhilfe» bei der täglichen Arbeit.

Während «Postmaterielle» die Kirche als Ort der Selbstverwirklichung und als Bildungsforum wahrnehmen, ist sie für «traditionell Bürgerliche» die verantwortliche Erbin der christlich-abendländischen Kultur. «Arrivierte» haben primär einen kulturellen Zugang zur Kirche und gehen zur Ortsgemeinde auf Distanz. Des¬halb findet man sie nicht beim Kirchenkaffee, «genügsam Tradi¬tionelle» hingegen schon, denn sie haben die engste Bindung zur Kirche und engagieren sich überdurchschnittlich für die lokale Gemeinde.«Die Studie kann uns helfen, die richtige Zielgruppe mit den richtigen kirchlichen Angeboten anzusprechen», erklärte Damian Kaeser. Welches Milieu spricht also die Generationenkirche an? Primär die «bürgerliche Mitte», sagte er. Diese Menschen bräuchten die Kirche zwar selber kaum, blieben aber wegen der Kinder Mitglieder, weil sie die Institution als Halt und Orientierung ver-mittelnd wahrnehmen. «Eskapisten» spricht die Generationenkirche nicht an. Denn sie haben kaum Kinder und eine eher pro¬vokative Distanz zur Kirche.
 
Peter Christinger, Eingabe; Arbeitsstelle Familien und Kinder,
08.11.2010

 
 
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