Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen
 

Ausgrenzung ist schwer zu ertragen



 
Armutsbetroffene suchen in einer Zukunftswerkstatt Wege aus der Armut und deren Folgen. Im Vordergrund der Erwartungen steht ein Anschluss an das gesellschaftliche Leben, “ohne sich alles am Essen absparen zu müssen“.
 
„Es tut weh, wenn die Kinder darunter leiden, dass die Eltern finanzielle Probleme und Schulden haben“, sagt Vera K. (*). Als Beispiel fällt der Ausschluss von den Aktivitäten der örtlichen Jugi. Vera K. ist auf Sozialhilfe angewiesen. Ausgeschlossen sein vom gesellschaftlichen, kulturellen und sportlichen Leben ist nicht die einzige Ausgrenzung. Von Armut Betroffene beklagen auch den „fehlenden Respekt; beispielsweise in Schulen, auf Ämtern, beim RAV und im eigenen Umfeld“, sagt Eveline M. (*), alleinerziehende Mutter.

Sackgeld für die Freizeit

Es sind typische Aussagen von Armutsbetroffenen. Sie haben ihre Erfahrungen in einer Zu-kunftswerkstatt der Arbeitsstelle Diakonie der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St. Gallen zusammengetragen und daraus Anliegen und Vorschläge an die Gesellschaft formuliert. Am stärksten wünschen sich die armutsbetroffenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen finanziellen Zustupf zur Sozialhilfe für Freizeitaktivitäten der ganzen Familie. Für alle die am Existenzminimum leben, sollen die Eintritte zu Kino, Konzerte oder Bad vergünstigt werden „eine Art Armutsprozent analog zum Kulturprozent“, wie es Peter Z. (*) formuliert.

Resultate den Fachleuten präsentiert

Die in drei Workshops erarbeiteten Lösungsideen (siehe Box) wurden Fachleuten aus Verwaltung und Politik vorgestellt. Vertreten waren die kantonalen Ämter für Arbeit und für Soziales sowie Vertreterinnen und Vertreter von Avenir social und der beiden Landeskirchen.
Für Johannes Rutz, Leiter des Amtes für Arbeit, haben die Ideen der Betroffenen zumindest teilweise eine Chance, realisiert zu werden. Auch die Leiterin des kantonalen Amtes für Soziales, Brigitte Buffoni, hat von der Ideenpräsentation einen guten Eindruck: „Sie hat die reale Sicht der Betroffenen wiedergegeben und war damit eine wertvolle Bereicherung.“ Zwar falle die Sozialhilfe in den Kompetenzbereich der Gemeinde, sie sei aber gerne bereit, dort zu helfen, wo es um Einschätzungen und die Vermittlung der richtigen Kontakte gehe.
Mit dieser Arbeit sei die Grundlage gelegt für weitere Schritte, sagt Marlise Schiltknecht, Beauftragte für Diakonie der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen: „Jetzt müssen die Anliegen und Vorschläge der Armutserfahrenen zur Überwindung der Folgen von Armut in umsetzbare Schritte gegossen werden.“ Das soll in einer Arbeitsgruppe mit den Betroffenen und in Kontakt mit den Fachleuten realisiert werden.

Räume für Dialog schaffen

Die „Zukunftswerkstatt für und mit Armutsbetroffenen“ ist eines der Projekte, welche die Arbeitsstelle Diakonie zum „europäischen Jahr zur Überwindung der Armut und Ausgrenzung“ organisiert hat, um die Menschen zu Wort kommen lassen, die Armut selbst erfahren haben.
Die Arbeitsstelle engagiert sich seit mehr als 10 Jahren in der Bekämpfung der Armut in der Schweiz und setzt sich für einen respektvollen Umgang mit Betroffen ein. An erster Stelle steht für Marlise Schiltknecht, dass die von Armut gebeugten Menschen wieder aufrechten Ganges gehen können.
Unterschiedliche Ansätze und Angebote der Arbeitsstelle Diakonie unterstützen die Menschen in ihrem Alltag und stärken den Willen, sich gegen Ausgrenzungen zu wehren. Individuelle Hilfe bieten die Kirchen in Seelsorge wie auch im sozialdiakonischen Bereich. Marlise Schiltknecht: „Die neue Herausforderung der Diakonie kann es sein, Räume zu schaffen, wo der gemeinsame Dialog zwischen Fachkräften und Armutserfahrenen möglich ist. Mit der Mitsprache der Betroffenen schlagen wir einen neuen Weg ein in der Bekämpfung der Armut und Ausgrenzung definiert und verfolgt werden.“ (lö)
(*) Namen geändert



Box
Was Armutsbetroffene wünschen
Praktisch geschlossen stehen die Armutsbetroffenen hinter dem Wunsch, dass Freizeitaktivitäten für die ganze Familie möglich sein sollen, ohne am Essen sparen zu müssen. Gefragt sind auch „einfache Zugänge“ zu Hilfe und Unterstützung im Bildungs- und Freizeitbereich sowie in der Mobilität. Sozialhilfe-Abhängige wünschen sich zudem „Arbeit für alle“ und denken dabei an einen Stundenlohn von 18 Franken. Die Alleinerziehenden möchten mit einem Coach für Sozialämter eine „respektvolle Behandlung auf den Ämtern“ erreichen.
In der Zukunftswerkstatt mitgearbeitet haben Alleinerziehende, Bezügerinnen und Bezüger von IV- und Ergänzungsleistung, Personen auf dem betreibungsrechtlichen Existenzminimum und Sozialhilfebezüger. (lö)

St.Gallen, 22. September 2010
 
Markus Löliger; Arbeitsstelle Diakonie,
27.09.2010

 
 
© Alle Bilder und Texte sind Eigentum der
Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen, Schweiz