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Wie viel Kirche ist Pflicht?

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Die Synode, das Parlament der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen, beugte sich gestern über die kirchenrätliche Vorlage zur „geistlichen Begleitung von Kindern und Jugendlichen in der St.Galler Kirche“. Zu reden gab vorwiegend die Frage nach der Verbindlichkeit von Angeboten. |
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Was dem Laien gestern Vormittag im Kantonsratssaal in St.Gallen als eine Form von Frühsport vorkommen konnte, heisst im Fachjargon Neukonstituierung. Die Synode der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen bewegt sich: Zu Beginn sitzen lediglich Urs Noser, bisheriger Präsident des reformierten Kirchenparlamentes, und Markus Bernet, Kirchenschreiber, auf dem Podium der Parlamentsleitung. Dann steigen die neuen Stimmenzählerinnen hoch. Anschliessend wählt das Parlament Karl Gabler, den bisherigen Vizepräsidenten, für die nächsten zwei Jahre zu seinem Präsidenten. Sesseltausch. Daniela Zillig-Klaus, Flawil, wird zur Vizepräsidentin gewählt. Als dann auch noch Heidi Graf,Werdenberg, die stellvertretende Sekretärin, ihren Platz einnimmt, kann die Arbeit beginnen: Erst mit der Vereidigung der 47 neuen Synodalen, dann dem Abschied von Kirchenrätin Margrit Eggenberger, Grabs. Als ihr Nachfolger wählt die Synode Urs Noser, zum Kirchenrat (siehe Kasten), bestätigt die fünf bisherigen Kirchenräte, Kirchenratspräsident Dölf Weder sowie den Kirchenschreiber.
Diskussion um Obligatorien
Mit der Vorlage „Geistliche Begleitung von Kindern und Jugendlichen in der St.Galler Kirche“ gilt es dann erstmals ernst für die neue Parlamentsleitung. Zahlreiche Votanten nehmen Stellung zur Vorlage des Kirchenrates, Synodale stellen Anträge, verlangen konsultative Abstimmungen, der Parlamentspräsident versucht die Fäden in der Hand zu behalten.
In Form eines 44-seitigen Berichtes liegt der Synode ein Konzept vor, wie die Kirche Kinder und Jugendliche von der Taufe bis zur Konfirmation auf ihrem Weg hin zum und im Glauben begleiten soll. Das Konzept baut auf die vier Säulen Feiern, Bilden, Begleiten und Erleben. Stichworte zu den Säulen sind altersgerechte Gottesdienste, die Struktur des Religions- und Konfirmationsunterrichtes, vertiefte Elternarbeit sowie neue und bisherige Formen der Kinder- und Jugendarbeit. Konkret schlägt der Kirchenrat etwa vor, dass Schülerinnen und Schüler der 7. und 8. Klasse – anstelle der zweiten, ab 2012 wegfallenden Lektion Religionsunterricht – jährlich an vier bis fünf Erlebnistagen teilzunehmen haben.
Den meisten Anträgen und Voten aus den Reihen der Synodalen ist denn auch die Frage nach der Verbindlichkeit gemein. Wie stark sind Kinder und Jugendliche zum Besuch von Religionsunterricht, Jugendgottesdiensten oder Erlebnistagen zu verpflichten, um schliesslich konfirmiert zu werden? „Kindern und Jugendlichen sind Obligatorien zuzumuten“, ist Beatrice Baumberger, Synodale aus Engelburg, überzeugt. Schon der Besuch des Religionsunterrichtes während der Primarschule sollte obligatorisch sein. Eben gerade nicht, findet Christoph Casty, Pfarrer in Wil. Ausgangpunkt der Vorlage sei der obligatorische Besuch von Jugendgottesdiensten gewesen. „Nun diskutieren wir wieder über Obligatorien.“ Die Kirche dürfe nicht über Obligatorien wahrgenommen werden, findet auch Michael Pues, Pfarrer in Gaiserwald. Christian Baumgartner, Synodaler aus Rapperswil, wirft ein, dass durch zu hohe Verbindlichkeit die Kirchgemeinden überfordert werden könnten. Die Organisation und Durchführung attraktiver Erlebnistage sei aufwändig und personalintensiv. Zudem bestünden in einigen Kirchgemeinden bereits bewährte Modelle der Begleitung von Kindern und Jugendlichen. „Durch eine Verlagerung der Vorgaben besteht die Gefahr, diese nicht mehr anbieten zu können“.
Der Kirchenrat verstand die Botschaft: Er wird nun bis zur Herbstsynode eine kirchenrechtliche Vorlage ausarbeiten, die über viel Gestaltungsfreiheit für die Gemeinden verfügt. Zudem sollen die Gemeinden durch die Arbeitsstellen der Kantonalkirche unterstützt sowie verschiedene Modelle in der Praxis getestet werden.
Finanzausgleich sinkt
Waren dieWortmeldungen zur „geistlichen Begleitung“ zahlreich, blieben sie bei der Rechung der Kantonalkirche ganz aus. Diese schliesst bei einem Aufwand von knapp 23 Millionen mit einem Überschuss von rund 175 000 Franken ab. Die Erträge aus der Zentralsteuer von 3,1 Steuerprozenten fielen mit 7,8 Millionen knapp 700 000 Franken höher aus als budgetiert. Kontinuierlich zurück gehen die Einnahmen aus dem Finanzausgleich. So liegen diese 2009 bei 8,8 Millionen um fast 1,2 Millionen Franken, oder 11,7 Prozent, tiefer als im Vorjahr.
Für den Glauben einstehen
Während der letzten zwei Jahre sass Urs Noser auf dem Stuhl des Synodalpräsidenten. Er führte umsichtig und in freundlichem Ton durch die Sitzungen des Parlamentes der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen. Auch zukünftig schaut er noch ins Rund der versammelten Synodalen. Doch nun nimmt er Platz in der Reihe der Kirchenräte. Die Synode hat ihn einstimmig in die Exekutive der St.Galler Kirche gewählt. „Mir ist eine lebendige Kirche, die in die Zukunft schaut, wichtig“, sagt Noser zu seiner Motivation für das Amt. Er sei überzeugt, dass es sich lohne, für die Werte des Glaubens einzustehen und diese klar und verständlich weiterzutragen. Das tut der 49-jährige vierfache Familienvater hauptberuflich schon seit bald zwei Jahrzehnten. In Altstätten ist er für die reformierte Kirchgemeinde als Sozialdiakon und Laienprediger, sogenannter Prädikant, tätig. Seit 1994 ist Urs Noser Mitglied der Synode, die letzen zwei Jahre ihr Präsident.
Nun übernimmt dieses Amt Karl Gabler. Er ist Präsident der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde St.Gallen C und Inhaber eines Sanitärgeschäftes. Über Erfahrung im Führen eines Parlamentes verfügt er bereits. 2003 präsidierte er das St.Galler Stadtparlament. Zur Vizepräsidentin wählte die Synode die 31-jährige Flawilerin Daniela Zillig-Klaus. Susanne Hälg, Gossau; Anita Gemperli, Sevelen und Ursula Möck Zuber, Wil sind die neuen Stimmenzählerinnen der Synode. Robert Dubacher, Grabs-Gams, steht neu der Geschäftsprüfungskommission vor. Neue Mitglieder sind Hugo Loretini, St.Gallen und Urs Kund, Grabs-Gams. Hans-Paul Candrian ist neuer Präsident der Kirchenbotenkommission. Neu in dieser Kommission nehmen Einsitz Jürg Steinmann, Walenstadt und Katharina Enz, Niederuzwil. kid/Ack |
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Andreas Ackermann; Arbeitsstelle Kommunikation,
29.06.2010 |
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