Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen
 

″Einst nach langem Leben″ - Eine Begegnung mit dem Theologen Eduard Schweizer



 

Eduard Schweizer, emeritierter Professor für Neues Testament an der Theologischen Fakultät Zürich, wohnt heute im hohen Alter zusammen mit seiner Frau Elisabeth in der Seniorenresidenz Segeten in Zürich-Witikon - Einblick in ein Leben, das langsam geworden ist. Und wesentlich.
 

″Stahlblau der Himmel, Sonnenschein, lächelnd der See, silbern der Rhein″ --- gedankenverloren blättert Eduard Schweizer in einem Album. Es sei ihm eben jetzt zufällig in die Finger gekommen. Sein Götti habe es ihm einst geschenkt: ″Mein Wanderbüchlein″. Über Jahre hinweg hat Eduard minutiös und mit feiner Schrift Ausgang und Ziel seiner Wanderungen notiert, dazu manchmal eine Impression. Der eingangs zitierte Eintrag datiert vom 18. April 1929. Damals war Eduard Schweizer sechzehn Jahre alt. Inzwischen ist er neunzig. Jäjo, er sei halt ein ″alter Grätti″, wie die Basler sagen.

Grättis sind Grittibänze. Eduard Schweizer, Prof. Dr. theol. Dr. hc. mult., eine der prägenden Persönlichkeiten der neutestamentlichen Wissenschaft des 20. Jahrhunderts, neigt nicht zur Eitelkeit. Dauernd nimmt er sich selbst auf die Schippe. Das macht es ihm leicht, die Gebrechen des Alters zu akzeptieren, die Verlangsamung, den Abbau seines einst brillanten Gedächtnisses. ″Schrecklich, dass ich die Sachen nicht mehr weiss″, sagt er zwischendurch und hält sich die Hände an die Schläfen. Doch dann relativiert er: Es sei halt lange her.


Lange her

Seine Frau Elisabeth trägt das ihre bei zu dieser Kultur der Selbstironie und -bescheidung. Heute sei sein Ohr es bizzli verstopft, erklärt Edi die Tatsache, dass er mich nicht gut versteht. ″Heute und es bizzli ist gut″, frotzelt seine Frau, ″du warst gestern schon halb taub.″ Beide fangen an zu lachen. ″Gäll, Schatz″, fährt Beth fort, ″wir haben es gut zusammen. 63 Jahre sind wir verheiratet, und es ist uns noch immer nicht verleidet.″ ″Nein, wirklich nicht!″ ″Das ist eine Gnade gewesen.″ ″Ja, wirklich.″

Ob sie dann die diamantene Hochzeit schon hinter sich haben, frage ich. ″Das wissen wir nicht″, sagt Beth. ″Nach der goldenen haben wir aufgehört zu zählen.″ ″Überhaupt haben wir keine klaren Begriffe mehr von der Länge der Zeit″, fügt Eduard an. Es ist wirklich so. Meine Fragen nach den Eckdaten seiner Laufbahn können beide nicht mehr präzise beantworten. Pfarrer in Nesslau sei er gewesen, später, in der Nachkriegszeit, Professor in Mainz und dann über viele Jahre in Zürich, mehrere Gastprofessuren in den USA. Wo? ″Das wissen wir nicht mehr so genau.″


Ein Glaube, der kritischen Fragen standhält

Eben: Es ist lange her. Die Daten gehen vergessen. Anderes, offenbar Wichtigeres, bleibt in Erinnerung. Auf die Frage, weshalb er Theologie studiert habe, erzählt Eduard Schweizer ausführlich von dem ″TK″, dem ″Tee-Kränzli″, einer Jugendgruppe der Herrnhutter Brüdergemeinde in Basel, wo er aufgewachsen ist. Der Leiter habe ihm Eindruck gemacht. Er sei noch sehr jung gewesen, und man habe gespürt, dass er Kummer hatte. Offenbar hatte ihn seine Braut verlassen, weil er als ″Brüderpfleger″ ein zu geringes Gehalt erhielt. ″Dieser Mann war eine glänzende Verbindung von absoluter Offenheit und dem zentralen Anliegen des Glaubens.″ Dieselbe ″glänzende Verbindung″ sollte er später bei seinem grossen Lehrer Robert Bultmann antreffen: ″Er hatte die innere Freiheit, kritische Fragen zu stellen und soweit wie möglich zu beantworten - und doch gläubig zu sein.″

Was er, Eduard Schweizer, mit Glauben meine? ″Ich würde schon sagen, Glaube meint nicht einfach allgemein eine Beziehung zu einer höheren Macht, sondern ein innerliches Band mit Jesus... Ja, und ohne dass man das in eine Formel fixieren kann, ist Jesus doch in einzigartiger Weise mit Gott eins gewesen.″ Ob das die Überzeugungen sind, die ihn ein Leben lang getragen haben und auch jetzt, im hohen Alter, tragen? ″Ja, auf alle Fälle! Und dann gibt es das, dass du plötzlich einmal in ausgesprochener Weise etwas von Gebetserhörung erlebst... Und″, fügt er lächelnd hinzu, ″es gibt es auch, dass nichts geschieht.″


Gereimtes

″Betet ihr regelmässig?″ Die Frage scheint die beiden alten Menschen zu erstaunen. ″Natürlich beten wir jeden Tag, für Familie, Verwandte, Freunde, für die Welt... Und wir lesen jeden Tag die Losungen. Die hat Beth in die Ehe mitgebracht.″ Ansonsten schlafe er viel, lese ab und an theologische Literatur, die ihm seine Kollegen noch immer zukommen lassen, und wenn er nachts wach sei, schreibe er manchmal Gedichte. Gerade letzte Nacht sei das der Fall gewesen. Das Papier ist noch in die mechanische Schreibmaschine eingespannt:

″In die Geschichte der Theologie
kommt mein Name sicher nie
in besonderer Belichtung
als Gründer einer neuen Richtung
oder einer Schule Haupt,
die irgendwie besonders glaubt.
Doch wenn ich einst nach langem Leben
noch Rechenschaft dafür soll geben,
wenn man mich fragt: woher? wohin?
und wer ich denn im Grunde bin,
dann kommt vielleicht ein Engelein,
nicht imponierend, eher klein,
und sagt nur schüchtern leise:
'Der hat einmal auf seine Weise
uns Deine Freude, Herr, gebracht
und manchmal auch mit uns gelacht',
und Gott meint: 'Wer noch lachen kann,
stellt unterdess nichts Dümm'res an'.″


Gott nicht im Wege stehen

″Eine lange und grosse theologische Laufbahn mit so viel Humor auf so wenige Zeilen verdichtet...″, kommentiere ich etwas verlegen den erstaunlichen Wurf und bitte um den Durchschlag, bevor Edi das Blatt in einem Couvert mit der Aufschrift ″Gereimtes″ verschwinden lässt. ″Du schaust zurück auf ein langes und erfülltes Leben. Was erwartest du noch?″ Stille, dann die Antwort: ″Dass ich heimgehe. Und wir beten täglich darum, dass es eine gnädige Heimkehr sein wird.″ Ich fasse mir ein Herz: ″Was erwartet dich drüben?″ ″Die Begegnung mit Jesus... Aber es ist ganz klar, dass man sich das überhaupt nicht vorstellen kann... Gott von Angesicht zu Angesicht schauen... Gott begegnen, wie er in Jesus zu uns gekommen ist und in jenem Lichtglanz, der alles hier auf Erden transzendiert...\″ ″Daheim sein bei dem Herrn″, sagt Beth. ″Eingetragen werden in Gottes Wanderbüchlein″, denke ich laut. Edi geht nicht weiter ein auf solche Spekulation. Noch einmal kehrt er ins Diesseits der Schwelle zurück: ″Als ich noch predigte, dachte ich immer: 'Gott, hilf mir, dass ich dir nicht im Wege stehe'.″ Dass ich diese Worte als Definition von Verkündigung interpretiere, zeigt ihm, dass ich verstanden habe. ″Es ist Zeit zum Mittagessen″, drängt er zum Aufbruch. Mitten aus dem Gespräch heraus faltet Eduard Schweizer die Hände, dankt und bittet um Gottes gute Gegenwart. Es ist der 15. Dezember 2003. Draussen fällt Schnee. Die Wanduhr tickt. Gott lächelt.

Copyright: Andreas Fischer 2003
 

Andreas Fischer, St. Gallen; Arbeitsstelle kirchliche Erwachsenenbildung, 19.12.2003
 


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