Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen
 

Buddha lebte zu früh: ″Glauben mit Lust und Liebe″ Teil 1



 

Kein Problem mit Sex: Vertreter dreier von einander unabhängiger buddhistischer Zentren der Region gaben gestern Dienstag Abend öffentlich Auskunft im Katharinensaal. Die Veranstaltung war die erste einer Trilogie, die in der Interreligiösen Dialog- und Aktionswoche ihren Abschluss findet.
 

″Sexualität ist ein nützliches Mittel auf dem Weg zur Erleuchtung″, meinte Ursula Poschung, Mitbegründerin des Buddhistischen Zentrums St.Gallen in der Frongartenstrasse, wo der ″Diamantweg″-Buddhismus tibetischen Ursprungs gegangen wird. Schon deren Gründer, der dänische Lama Ole Nydahl, steht nicht im Verdacht, sexfeindlich zu sein. Gern outet er sich in als Freund vieler Frauen und ruft dazu auf, das Leben zu geniessen.

Siddharta Gautama, gennant Buddha (=der Erleuchtete), war vor 2 ½ Jahrtausenden offenbar noch nicht so weit. Seine Versuchungsgeschichte war der Überlieferung nach sexueller Natur. Er widerstand, als die Töchter des Teufels Mara die Schönheit ihrer Körper aufs Vorteilhafteste vorführten und ihm alle 64 Künste der Liebe anboten. Beim zweiten Mal verwandelte er sie gar in hässliche alte Weiblein und gab ihnen erst ihre jugendliche Straffheit erst wieder, als sie um Gnade jammerten. Seinen Mönchen gab er auf den Weg: ″Wegen der Gestalt des Weibes, ihr Mönche, sind die Wesen in Lust und Begierde entbrannt, gefesselt und betört, und lange klagen sie im Banne der weiblichen Gestalt″. Was man auf dem Weg ins Nirvana freilich überwunden haben sollte.

Dass buddhistisch geprägte Länder relativ prüde seien, das räumte Marcel Geisser ein, nicht-zölibatär lebender Mönch und Zen-Lehrer vom Haus Tao in Wolfhalden (″Ich bin seit fast 40 Jahren Buddhist, und ich bin ein sehr kritischer″). Die Sexualethik der ″liberalen″ Schweizer Buddhisten unterscheide sich aber nicht wesentlich von der nichtbuddhistischer Landsleute.

Einen anderen Akzent setzte das Interview mit dem tibetischen Ex-Mönch Lobsang Chadaer vom Letzehof in Feldkirch, und zwar nicht etwa durch offenen Widerspruch, wohl aber in der sehr viel zurückhaltenderen Art, das Thema Sexualität anzusprechen. Er habe das Gehörte interessant gefunden und lerne hier im Westen viel neues. Klar unterschied Chadaer zwischen zwei Arten von Liebe: selbstsüchtiger, triebhafer Versessenheit, die es zu überwinden gälte, und selbstloser, den anderen beschenkenden Zuneigung.

Es sei beim Sex die ″Anhaftung″ zum Sexualpartner zu vermeiden, also etwas wie eine innere suchthafte Abhängigkeit, das Gegenteil des den Buddhistmus auszeichnenden ″Loslassen″. Das meinten alle drei Vertreter - freilich ohne zu sagen, wie solches konkret geht. Alle drei betonten daneben unisono die Bedeutung sexueller Selbstbestimmung und gaben jedem Zwang zur Keuschheit ebenso eine Absage wie jeglicher Form sexueller Ausbeutung oder Diskriminierung.

Am Schluss stellte sich für das gut dreissigköpfige Publikum die Frage: Gehen die Schweizer (″Neo″-?)Buddhisten selektiv vor und kreieren einen von westlicher Freizügigkeit und Selbstbestimmung geprägten ″Buddhismus Light″, der aber mit den historischen Wurzeln wenig gemein hat? Oder sind sie gar näher am wahren, befreienden Kern ihrer Religion als jene, die den Weg in den von zweieinhalb Jahrtausenden Buddhismus geprägten Ländern gehen, welche einfach noch tief in partriarchalen Strukturen und Leibfeindlichkeit verfangenen sind?

Der Buddhismus-Abend im Katharinensaal war der erste von drei Abenden unter dem Motto ″Glauben mit Lust und Liebe - Sexuelle Menschenrechte und die Religionen“. Am Dienstag 4.September ab 19.30 Uhr wird der christliche, am 11.September der islamische Glaube in den unterschiedlichen Ausprägungen auf das Thema hin befragt werden. Es spricht dann u.a. Saida Keller-Messahli (Kirchberg SG) Die drei Abende werden gemeinsam organisiert und geleitet von Pius Widmer von der Fachstelle für Aids-und Sexualberatung sowie von Martin Breitenfeldt von der Arbeitsstelle Kirche im Dialog der reformierten Kantonalkirche.
 

Martin Breitenfeldt; Arbeitsstelle Kirche im Dialog, 22.08.2007
 


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