Fünf Thesen für die Frauenkirche
Ein Text von Rainhild Traitler, Studienzentrum Boldern
der ref. Landeskirche des Kantons Zürich
In der komplexen Welt in der wir arbeiten und leben, lieben und
glauben, wird es für die Frauenkirche darum gehen, wie weit
sie die Herausforderungen des Alltags aufnehmen und liturgisch begleiten
kann. Dazu scheint mir nötig:
- Verschiedenheit wahrnehmen und aushalten zu lernen. In der Frauenkirche
haben wir gern Einheit und Schwesterlichkeit gefeiert. Das ist
wichtig. Aber gegen den grossen und verschleiernden Vereinheitlichungsprozess
der Globalisierung müssen wir die wirklich bestehenden Unterschiede
aufzeigen und nicht sofort vereinnahmen. Dort liegen nämlich
die Konfliktpotentiale. Vielleicht müssen Frauengottesdienste
manchmal auch Orte sein, wo eine Art respektvoller Unversöhntheit"
gelernt werden kann. In einer zunehmend gewaltbereiten Gesellschaft
ist das sehr wichtig.
- Gerechtigkeit weiterhin als gesellschaftlichen Leitwert hochzuhalten,
auch wenn er gesellschaftlich nicht im Trend ist. "Was gut
ist für arme und unterdrückte Frauen, ist gut für
alle" hat die Weltkonferenz feministischer Befreiungstheologinnen
schon 1994 formuliert. Es geht also darum uns an den Bedürfnissen
der unter Ungerechtigkeit und Gewalt Leidenden zu orientieren
und nicht an den endlosen Wünschen der Wohlstandsgesellschaft.
- Uns bedingungslos für Frauenmenschenrechte einzusetzen,
Menschenrechtsverletzungen zu benennen, wie sexuelle Gewalt, Diskriminierung
am Arbeitsplatz, in der Sprache, in der Vergabe von Geldern (auch
von kirchlichen Geldern) , etc.
- Uns dem interreligiösen Dialog zu öffnen. Wir sind
auf dem Weg zur multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft
- die Zukunft ist gemischt! Was heisst das praktisch? Wie kann
Frauenkirche mithelfen, ein Klima des Willkommens, der Akzeptanz
und der Offenheit zu schaffen. In der aktuellen Situation z.B.
für Muslimas in der Schweiz? Wo liegen die Störfaktoren,
wo gibt es Gemeinsamkeiten. Wie können wir dazu beitragen,
den Zirkel von Fremdenfeindlichkeit auf der einen und von Rückzug
in die eigene kleine Gemeinschaft aufzubrechen und eine Abdrängung
an den Rand, in ein "Getto" zu vermeiden?
- Uns mit ökumenischen Anliegen zu verknüpfen. Z.B.
mit der ökumenischen Dekade zur Überwindung der Gewalt.
Diese Dekade auf unserer Ebene durchzubuchstabieren. Wie können
wir das Thema aufnehmen. Es ist brisant in unserer Gesellschaft
- es reicht von den brutalen Computerspielen unserer Kinder über
die steigende Gewalt unter Jugendlichen zu Gewalt in der Partnerschaft,
über die verzweifelte Verrohung einer drogensüchtigen
Mutter, die ihr Kind wegwirft, hin zur systemischen Gewalt mit
ihren Akteuren und Profiteuren in der weissen Weste, zur terroristischen
Gewalt mit ihren kriminellen Verbindungen und durchsichtigen Legitimationen,
zur Staatsgewalt.
All dies sind die beunruhigenden Fragen, aus dem der Text unseres
Lebens gemacht ist. Die Fragen, derentwegen wir zu Gott schreien.
Denen wir oft hilflos und mutlos gegenüberstehen.
Genau die Fragen, die ich mir im Zentrum der Frauenkirche wünsche.
Über diese Fragen müssten wir nachdenken, aus unserer
Perspektive der Solidarität mit allen Frauen sprechen, beten,
uns stärken und feiern.
Reinhild Traitler; Evangelisches Tagungs- und Studienzentrum
Boldern; Zürich/Schweiz); November 2001