Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen
 
       
 

Reformierte Freiheit

Sind die Stärken der reformierten Kirche ihre Schwächen?
Sind die Schwächen der reformierten Kirche ihre Stärken?

Typisch reformiert: Grosse Freiheit
Ein kleines Beispiel: In vielen reformierten Kirchen predigen Pfarrerinnen und Pfarrer im schwarzen Talar mit dem weissen Beffchen. An andern Orten tragen sie ein helles Gottesdienstgewand oder gar keines.
Ein anderes Beispiel: In reformierten Gottesdiensten können allein schon die Anfangsworte in Stil, Form und Inhalt von Pfarrperson zu Pfarrperson sehr unterschiedlich ausfallen. Vom liturgischen Wildwuchs der Reformierten ist darum gelegentlich die Rede.
Manche schätzen diese Freiheit als einen Reichtum, der eine wohltuende Vielfalt ermöglicht. Andere vermissen dadurch eine gewisse Einheitlichkeit.

Typisch reformiert: Selber lesen – selber denken
Vor wenigen Jahren gab es in der Schweiz während einiger Zeit Plakate mit der Aufschrift: "Selber denken. Die Reformierten". Woher diese Formulierung? Vor bald 500 Jahren hatten die Reformatoren die Bibel ins Deutsche übersetzt und sie den Menschen zum selber Lesen in die Hand gegeben. Christenmenschen wurden dadurch zu mündigen Menschen: Selber denken!
Die Frage aber bleibt: Ist es stets der Heilige Geist, der uns beim selber Denken leitet? Oder ein anderer Geist? Ein Zeitgeist vielleicht?

Typisch reformiert: Die Bildung von Freikirchen
Auch im Toggenburg haben sich aus der reformierten Kirche im Laufe der Zeit verschiedene Freikirchen entwickelt. Gerade in der reformierten Kirche hatten Menschen gelernt, das Gotteswort in eigener Mündigkeit eigenständig zu interpretieren und theologisch da und dort anders zu gewichten. Dies führte gelegentlich zu Spaltungen. Manche erlebten dies als Befreiung: Freikirchen – freie Kirchen - waren entstanden. Andere empfanden und empfinden solche Spaltungen als schmerzlich.

Typisch reformiert: Kirchenleitungen durch "Laien"
Im Sinne des Priestertums aller Gläubigen werden reformierte Kirchgemeinden in gemeinsamer Verantwortung durch Kirchenvorsteherschaften und Pfarrpersonen geleitet. Gut biblisch.
Für alle Verantwortlichen der Kirche stellt sich jedoch die Frage: Nach welchen Gesichtspunkten treffen sie ihre Entscheidungen? Nach geistlichen Kriterien oder einfach nach dem sogenannt "gesunden Menschenverstand"?

Dazu ein Denkanstoss von Paulus:
Wenn ich an die Licht- und Schattenseiten unserer reformierten Kirche denke, möchte ich mir und uns ein Pauluswort zum selber Denken in Erinnerung rufen:
Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Steht also fest und lasst euch nicht wieder in das Joch der Knechtschaft einspannen. … Zur Freiheit seid ihr berufen worden, liebe Brüder und Schwestern. Auf eins jedoch gebt acht: dass die Freiheit nicht zu einem Vorwand für die Selbstsucht werde, sondern dient einander in der Liebe! (Galaterbrief 5, 1.13)

Pfr. Markus Roduner, Lichtensteig 

 

     
 

 

 17.06.2008

© Alle Bilder und Texte sind Eigentum der
Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons St.Gallen, Schweiz